Die Knochenentzündungen der Perlmutterdrechsler.Von Dr. C. Gussenbauer Die Arbeiter in den Perlmutterdrechslereien, meistens ganz junge Leute, die in kleinen, von Perlmutterstaub ganz erfüllten Localitäten beschäftigt sind, erkranken, wie Englisch zuerst mitgetheilt hat, an eigenthümlichen Entzündungen an den Diaphysenenden der Knochen, welche sich dadurch charakterisiren, dass sie niemals bis jetzt zur Eiterung geführt haben und dass sie bei demselben Individuum zu wiederholten Malen auftreten, wenn sie in ihrer Beschäftigung fortfahren. G. hat die auf der Billroth´schen Klinik vorgekommenen Fälle zusammengestellt und ist durch Experimente an Thieren, durch Untersuchung des Perlmutterstaubes und durch genaue Beobachtung aller Symptome der Erkrankung am Menschen zur Aufstellung einer Hypothese über das Wesen des Processes gelangt, welche sehr schön ausgedacht ist und alle klinischen Erscheinungen ausreichend erklärt. Die Substanz der Perlmutter enthält nach Klauser´s Analysen kohlensauren Kalk und circa 10% einer stickstoffreichen organischen Substanz, welche dem von Frémy sogenannten Conchiolin sehr ähnlich ist. Der fein vertheilte Staub, mit welchem die Atmosphäre der Artbeitsräume erfüllt ist, dringt in die Lungen, der CO2 , CaO wird gelöst und die unlösliche Substanz, das Conchiolin, gelangt in den Kreislauf, sammelt sich in den Capillaren in den Diaphysenenden. Es entsteht also ein Infarct im Knochen, ihm folgt die Osteomyelitis, die Ostitis und Periostitis circumscripts, wie wir sie klinisch beobachten, bisweilen mit secundärer Gelenkentzündung combinirt. Es gelang bisher nicht, an Thieren ähnliche Knochenentzündungen hervorzurufen; von der Conchiolin-Osteomyelitis, wie G. die Erkrankung zu nennen vorschlägt, besitzen wir andererseits keine Sectionsbefunde, es ist daher bis jetzt unmöglich gewesen, die Hypothese G´s. zu verifizieren, jedoch stimmen, wie erwähnt, die klinischen Beobachtungen vollständig zu derselben. Die Erkrankung beginnt ganz plötzlich mit Schmerz an irgend einem Diaphysenende, ohne dass Periostitis vorhanden wäre. Später folgt die Schwellung des Periostes an derselben Stelle, dann die Ausbreitung der Entzündung im Markgewebe, in der Corticalis und im Periost gegen Mitte der Diaphyse. Die Kranken fiebern, solange der Process im Steigen begriffen ist. Ruhe, feuchte Wärme, Einreibungen von grauer Salbe bringen die Entzündung ziemlich rasch zum Zurückgehen, bisweilen bleibt eine Verdickung des Periostes zurück. Ein und dasselbe Individuum kann zu verschiedenen Malen und an derselben Stelle wiederholt erkranken.
_______________ Der vorangehende Text erschien als Besprechung des Artikels (in der Medizinischen Rundschau) in der "Internationalen Homöopathischen Presse"; Verlag Willmar Schwabe, 7 + 8 Band, Leipzig, 1876, S. 669 + 670 . |
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