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Lähmung

G.G., Farmer, 40 J. alt. Im Oktober 1920 bemerkte er eine Steifigkeit im rechten Bein. Es begann langsam und nahm zu, sodaß er arbeitsunfähig wurde. Er ging in ein allopathisches Krankenhaus, wo nach längerer Beobachtung die Diagnose "Sakralisation des 5. Lendenwirbels " gestellt wurde. Nachdem er dort bis zum Januar 1921 behandelt worden war, kehrte er ungebessert nach Hause zurück. Im Februar bemerkte er, daß ihm die Bewegung des linken Beines schwerer falle als früher. Die Erkrankung hatte keinerlei Ähnlichkeit mit dem Prozeß im rechten Bein; das linke Bein hing schlaff herab, während das rechte Bein spastisch war. Im März konnte er das Bein nicht mehr bewegen, der Prozeß ging auf den linken Arm über. Die linke Seite war schmerzhaft. Rechts war keine Änderung eingetreten. Im April 1921 wurde er in das homöopathische Universitätskrankenhaus (Michigan) aufgenommen. Der Kürze wegen soll vom Untersuchungsbefund nur das gebracht werden, was für die therapeutische Anwendung von Wichtigkeit war.

Rechtes Bein: Positiver Babinski, Fußklonus , Patellar- und Archillessehnenreflex gesteigert.

Rechter Arm: Reflexe gesteigert, keinerlei Bewegungsstörungen.

Linkes Bein: Archilles- und Patellarreflex aufgehoben.

Linker Arm: Reflexe normal. Händedruck schwach. Fingertremor.

 

Alle Laboruntersuchungen waren negativ (dazu zählten: Blutbild, Urinuntersuchung; Lumbalpunktion: Wassermann negativ, Zellvermehrung, Nonne negativ)

Röntgen o.B.

 

Diagnose: Spastische Paralyse rechts. Die linksseitige schlaffe Lähmung mit Schmerzen wurde zusammen mit der Atrophie als Polyneuritis unbekannter Ursache gedeutet.

 

 

Die Arzneimittellehre enthält wenig Mittel, die einen positiven Babinski hervorrufen zusammen mit Patellarreflexsteigerung und Fußklonus ohne Atrophie und ohne Sensibilitätsstörungen. Am deutlichsten finden sich diese Erscheinungen bei Lathyrus sativus.

Wir kannten kein Mittel, das gleichzeitig eine spastische Lähmung der einen Seite und eine schlaffe Lähmung auf der anderen Körperseite hervorruft. Da die spastische Lähmung zuerst gekommen war, beschlossen wir, uns vorerst gegen sie zu wenden.

In Indien wird der Lathyrismus gewöhnlich in der Regenzeit beobachtet. Männer werden 10x häufiger betroffen als Frauen. Buchanam berichtet: Wenn eine Person die betreffende Nahrung zwei Monate lang gegessen hat, treten Krämpfe in der Beinmuskulatur auf. Nimmt die Person die Nahrung weiter zu sich, schleift bald der Fuß beim Gehen auf dem Boden. Die Streckmuskeln und zum Teil auch die Rückenmuskulatur wird steif. Später stellt sich noch eine Sphinkterschwäche und Impotenz ein. Die physikalische Untersuchung zeigt dann erhöhten Patellar- und Archillessehnenreflex, in schweren Fällen auch Fußklonus. Dabei ist keine Muskelatrophie zu beobachten. Trotz bisher negativer Sektionsergebnisse ist kein Zweifel daran, daß die Platterbse die Pyramidenbahnen affiziert..

Aufgrund dieser Arzneikenntnisse wurde beschlossen, dem Patienten Lathyrus sativus D3 zu geben. Er wurde nach Hause entlassen zur Wiedervorstellung in einem Monat.

Der Patient erschien im Mai 1921 wieder. Er hatte keinerlei Erscheinungen mehr auf der früher spastischen Seite. Die Reflexe waren normal. Auf der linken Körperseite war keinerlei Veränderung eingetreten. Die Atrophie hatte zugenommen.

Wir setzten Lathyrus ab und gaben Arsenicum album D6 (indiziert durch die Tatsache, das Ars. schlaffe Lähmungen mit Sensibilitätsstörungen und Atrophie hervorruft).

 

Nach vier Monaten kam der Patient wieder ohne irgendwelche Krankheitserscheinungen.

Wir glauben sagen zu können, daß der Fall geheilt ist. Das Leiden war progressiv bis zu dem Zeitpunkt, als er in unsere Behandlung kam. Der Fall zeigt den Einfluß von Lathyrus auf die Pyramidenbahnen, ohne das es irgendeinen anderen Teil der Rückenmarksstränge affiziert und zweitens zeigt er die periphere sensible und motorische Wirkung von Arsen.

(Prof. Linn J. Boyd)

Der Fall erschien im Journal of the American Institute of Homeopathy; 1923

 

Fußnote:

Sakralisation .... : Knöcherne Verschmelzung des 5. Lendenwirbels mit dem Kreuzbein. zurück

 

 

Fußklonus: gr. klonus = heftige gesteigerte Bewegung; die nicht erschöpfliche Reflexbewegung ist ein sicheres Zeichen einer Pyramidenbahnschädigung. zurück

 

 

Nonne-Apelt-Schumm-Reaktion: Zeigt eine krankhafte Erhöhung von Globulinen im Liquor an. zurück

 

 

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