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Bericht über die homöopathische Behandlung der Cholera in Hamburg, August 1892, durch den Laienpraktiker Paasch. Als im August diesen Jahres die ersten Fälle asiatischer Cholera in Hamburg gemeldet wurden, ahnte ich nicht, daß ich berufen sein würde, so viele Cholerakranke zu behandeln, denn aus bekannten gründen wird jeder Laienpraktiker sich hüten, bei einer so gefährlichen, schnell verlaufenden Krankheit sich hervorzudrängen. Etwa am 25. August ließ die Polizei-Behörde "Schutzmaßregeln", die vom Geh. Rat Dr. Paul Sachse in Berlin verfaßt worden waren, verteilen, in denen es ad 5 heißt: "G e g e n e r f a h r u n g s g e m ä ß
- Das mußte natürlich alle Gemüter bis aufs äußerste erregen und überall Angst erzeugen, denn wenn die wissenschaftliche Medizin sich selbst öffentlich als unfähig bekennt, was soll da das Publikum machen, wohin soll es sich wenden? Da die homöopathische Schule viel von der
Cholera-Behandlung zu erzählen weiß und tags
darauf die Medizinal-Behörde den Aufruf erließ:
"Medizinisch Gebildete möchten sich zur Hilfeleistung
melden, weil die vorhandenen ärztlichen Kräfte
nicht ausreichten," so meldete ich mich sofort zur
unentgeltlichen, aber Ich fing daher an, Arsen in der 6. Dezimale zu geben,
erzielte damit aber nur im ersten Stadium Erfolge (bei Druck
auf den Magen, aufsteigender Angst, Schwindel, großem
Durst, Mattigkeit ec.), nicht aber in den schwereren
Fällen, wo deutlich nur Arsen-Symptome (außer
obigen: große Unruhe des Körpers, die sich
besonders nachts steigerte, wässerigen Erbrechen,
daß sich nach dem geringsten Genuß Daß neben Arsen. nur die auf schnellstem Wege zu erzeugende Wärme nötig war, geht ja aus der Prüfung des Mittels am Gesunden hervor, also mußte diese mit angewandt werden und nicht, wie die Herren Allopathen beliebten, kalte Umschläge, Eissaugen und Trinken auf Eis gestellter Getränke, was die Kranken geradezu an den Grabesrand brachte, da die Krankheit mit jeder fortschreitender Minute mehr Wärme entzieht dies Kaltwerden durch solche Maßnahmen noch befördert wird. Ich ließ also vor allem, um Schweiß zu
erzeugen, feuchtwarme Umschläge auf den Leib und Magen,
heiße Steine oder Kruken [Kruke= Krug, Kanne] an die
Beine legen, den Kranken tüchtig zudecken und zwar bis
an den Hals, die Arme unter die Decke, da der Cholera-Kranke
stets in seiner Um den schnellen Schweißausbruch wesentlich zu
unterstützen, gibt es ja viele Mittel, aber das
Herbeiholen solcher raubt die kostbare Zeit, und da
Bohnenkaffee so ziemlich in jedem Haushalt vorhanden oder
leicht zu beschaffen ist, außerdem als Am meisten Sorge machte mir in den ersten Tagen das schwere Beschaffen der Arznei, und in dieser Hinsicht brachte mich ein Vorfall, der mir am zweiten Tage passierte, auf den richtigen Gedanken. Nachmittags zu einer Kranken gerufen, wo von einem Arzte morgens um 8 Uhr das Nötige verschrieben worden, kamen mir die Angehörigen schon auf der Treppe entgegen mit dem Rufe: "Wir haben das Mittel noch nicht aus der Apotheke!", die noch dazu in dem selben Hause sich befand. Allerdings waren die Apotheken so überfüllt, daß in diesem Augenblicke auch hier die Wartenden und nach ihrer Arznei Rufenden dicht gedrängt bis an den Straßendamm standen - aber mir war sofort klar, daß ich so nicht viele Kranke würde retten können, mir also die nötigen Arzneien en masse von einer weniger behafteten Apotheke in der Stadt holen lassen und sie direkt in der Tasche dem Kranken mitnehmen mußte. Wohl wußte ich, daß das Gesetz selbst dem Arzte dies nicht gestattet, aber unter so abnormen Verhältnissen, wie sie hier bestanden, mußte das Gesetz zurückstehen, denn hier konnten nur durch schnelles und über alle Nebensächlichkeiten erhabenes Vorgehen Menschenleben gerettet werden. Am dritten Tage morgens ließ ich mir ein Quantum von jeder nötigen Arznei auf meine Kosten anfertigen und nahm sie im Wagen mit, um alles nötige an der Hand zu haben, und nun erst konnte ich wahrheit helfen, denn nur noch die ganz schweren Fälle gingen mir verloren. Aber auch für diese fand ich das richtige. Wo z.B. schon Stimmverlust, große Atemnot, Pulslosigkeit, Harnretension, Eiskälte und Bläue der Extremitäten, übermäßiger Krampf der Extremitäten und Brust vorhanden waren, da half oft noch eine tiefe Arsen-Gabe, die dann, wenn nötig, nach Verlauf einer Stunde wiederholt, oft einen wunderbaren Umschwung in dem Befinden des Kranken hervorbrachte, und habe ich verschiedene solcher Fälle aufzuweisen, die dem Leben erhalten blieben, darunter einen, wo eine Stunde vor meinem Erscheinen ein allopathischer Arzt die Kranke schon aufgegeben und mir selbst bei seinem Heraustritt aus dem betreffenden Hause erklärt hatte: "Hier ist nichts mehr zu wollen, sie liegt im Stadium algidium, ist nicht mehr zu retten." Allerdings hatte der Herr recht, denn die allopathischen Maßnahmen hätten die Kranke nicht mehr retten können; heute aber freut sie sich wieder ihres Lebens. Aber nicht Arsen allein war es, was half, sondern neben diesem mitunter (aber erst vom neunten Tage etwa an) auch Cuprum, wenn neben den anderen Symptomen auch Kollern im Bauche, hörbares Herabgluckern der Getränke, Krampf in den Fingern und Zehen beginnend, und Rückwärtsbeugen des Kopfes in die Kissen bestand; ebenso mußte ich neben Arsen auch mitunter Sulfur geben, wenn der Durchfall den Patienten morgens um 5 Uhr zuerst aus dem Bette getrieben, oder der Kranke lymphatischer Konstitution war. In ganz vereinzelten Fällen fand ich neben Arsen. auch Secale hilfreich, wenn Kriebeln in den Fingern und Zehen und gespreizte Finger (letzteres in einem einzigen Falle), und das wässrige Erbrechen, in Bluterbrechen übergehend, vorhanden waren. In keinem Falle aber waren die Arsen-Symptome zu verkennen und deshalb durfte ich wohl mit einigem Rechte annehmen, daß dies das eigentliche Epidemikum sei. Nur in einem einzigen Falle glaubte ich durch den kalten Schweiß auf der Stirn Veratrum angezeigt, gab es jedoch ohne Erfolg, wie ich mich drei Stunden später überzeugen konnte. Auch hier half Arsen. Als ich mich nach achttägiger rastloser
Tätigkeit im Seuchen-Herde in einer gedruckten
Anweisung dem Publikum, außer Es war anzunehmen, daß jeder Allopath diese Formel auf den ersten Blick verstand. Der Grund, weshalb ich diese Anweisungen gab, war meine große Überanstrengung, die mir durch das viele Sprechen und Treppenlaufen Brustschmerz eingebracht hatte, und andernteils der Umstand, daß ich manchmal einen Kranken dadurch verlor, daß die Umgebung mündliche Anweisungen nur zur Hälfte befolgt hatte, wenn ich den Wiederbesuch machte, - und der Wunsch, daß jeder bei der großen Ratlosigkeit und Angst, noch ehe die so sehr ersehnte und oft erst nach langen Stunden zu erreichende ärztliche Hilfe kam, nicht durch Verkehrtes (wie kalt Trinken, Bloßliegen, sowie Trinken zuviel Alkoholika) die schließlich erscheinende Hilfe illusorisch mache, zugleich aber die erste richtige Hilfe bei der Hand habe und jederzeit nachlesen könne. Diesen Zweck erreichte ich damit vollkommen, denn ich fand in der Folge oft schon den Kranken im Schweiße und die ersten Symptome schon sistiert. Da war dann die Hilfe leichter, als zuvor. Besonders wichtig scheint es mir, zu erwähnen, daß ich manchmal Kranke verlor, die ich bei dem zweiten Besuche schon bedeutend gebessert vorfand, die dann aber meine strengsten Anweisungen, weiter noch ohne Unterbrechung im Schweiße zu bleiben und diesen schließlich im warmen Bette von selbst abtrocknen zu lassen, nicht befolgten, sondern zu früh aus dem Bette gingen, und anstatt der für den Anfang sehr leichten Kost gleich wieder alles Mögliche aßen und tranken. Der Körper ist nach der Krankheit sehr empfindlich und es kam öfters vor, daß danach ein äußerst schnell verlaufender und mitunter letal endender Rückfall eintrat. Die mir von dem Oberarzte gegebene Weisung, jeden Kranken nach der ersten Hilfe sofort dem Krankenhause zu überweisen, mußte ich zurückweisen, denn es widersprach meinem Mitgefühle, den oft in seinem Bette schon warm gewordenen Kranken auf die Straße zu senden, da meine Erfahrung dafür sprach, daß die Kranken bei dem unausweichlichen Kaltwerden vielfach unterwegs schon starben oder dem Tode nahe dort ankamen. Es wurde mir allein denn auch die Weiterbehandlung gestattet, den Herren Aerzten aber verboten. Nur diejenigen Kranken, von deren Umgebung ich die nötige Beihilfe nicht erwarten konnte, überwies ich, wenn auch schweren Herzens, dem Krankenhause, damit oft ihren Tod besiegelnd. Die am schnellsten verlaufenden Fälle waren besonders diejenigen von Cholera sicca (trockene Form), wo weder Durchfall noch Erbrechen, sondern nur große Herzensangst, dann sofort Brustkrampf und Tod nach 1 bis 3 Stunden eintraten. Hier findet man den Kranken meist schon sprach- und pulslos, mit Atemnot ringend, und den Leib schwappend. Zwei solcher Fälle konnte ich noch retten, den einen durch Arsen., den anderen durch Arsen. und Carb-v. D6 in schnellem Wechsel, weil mir gesagt wurde, daß er in den letzten Tagen viel an Blähungsversetzung gelitten habe. Alle anderen (es waren vielleicht 10 bis 12) starben mir, weil keine Reaktion auf die gegebene Arznei mehr eintrat. Vier Wochen arbeitete ich so, rastlos vom frühen Morgen bis meist nachts 12 und 1 Uhr, und zwar zuerst als Assistent des Oberarztes. Als mich dieser am elften Tage als entbehrlich wegschickte, verlangte die Bevölkerung in einer Deputation an den Senat mich energisch zurück und ich arbeitete als Laienpraktiker weiter. In dieser Zeit war es, wo ich zu einer mit Cholera sicca ringenden Kranken gerufen, diese nicht mehr retten konnte, und sofort nach dem Eingeben den vor mir deshalb schon hinzugerufenen allopathischen Arzt, Dr. Martin Cohn, rufen ließ, in dessen Gegenwart dann die Kranke starb. Daß dieser Herr jetzt, wo er doch vorher schon Cholera sicca konstatiert hatte (denn er trat mit den Worten ans Krankenbett: " Hier liegt Cholera sicca vor, was haben Sie gegeben"), der Familie gegenüber mich des Giftmordes durch Arsen zieh, angesichts der Tatsache, daß die physiologische Schule überall ihre Ohnmacht gegen diese Krankheit öffentlich bekennt, bedarf wohl keinen Kommentars. Es ist durch die Sektion übrigens festgestellt worden, daß die Kranke an Cholera sicca, nicht aber an Gift gestorben ist. Eine Statistik der von mir behandelten Kranken heute zu geben, ist mir leider deshalb nicht möglich, weil einesteils die übergroße Anstrengung mir nicht erlaubte, abends noch eine Liste aufzustellen., andernteils aber die von den Bürgern an dem mir angewiesenen Sanitätsbureau täglich aufgestellte Liste regelmäßig am anderen Morgen verschwunden war, da ja nachts die Herren zum Schreiben durch andere und auch ich durch einen Arzt im Bureau abgelöst wurden. Nur vom elften Tage meiner Tätigkeit an sind genaue Listen der von mir besuchten Kranken vorhanden und werde ich in nächster Zeit in der Lage sein, genaue Angaben darüber an dieser Stelle zu machen, da ich alles nochmals sicher feststellen lasse. Nur den einen Schluß kann ich heute schon ziehen, daß ich bei täglich 45 Krankenbesuchen und ca. 40 Beratungen im Bureau täglich höchstens 1 bis 2 Todesfälle hatte. An manchen Tagen erreichte die Zahl der Besuche sogar 50 und mehr. Wenn ich hiervon die leichteren Fälle ganz ausschließe und diejenigen des zweiten und dritten Stadiums auf 30 per Tag berechne, so stellt sich die Mortalität bei meiner Behandlung auf ca. 5 Procent. Allerdings war die Sterblichkeit in den ersten vier Tagen eine größere, dafür aber in den letzten paar Wochen ganz bedeutend geringer. Im ganzen also ein gutes Resultat! ______________
Der Laienpraktiker Paasch wurde aufgrund seiner erfolgreichen Therapie öffentlich von der Hamburger Bürgerschaft ausgezeichnet. Der Bericht über sein Vorgehen wurde zuerst veröffentlicht in der Leipziger Populäre Zeitschrift für Homöopathie, 1892, Nr. 23/24, dann nochmals, wegen des Wiederaufflammens der Cholera in Deutschland im Jahre 1905 in der gleichen Zeitschrift (Jahrgang 1905), Heft 19/20, Seiten 149 - 152
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