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Mailänder Impressionen

Christoph Hartung und seine Beziehungen zu

Radetzky und Hahnemann

Christoph HartungDer Kaiserliche Rath und Dirigierende Stabsarzt beim lombardisch-venetianischen Generalkommando in Mailand, Dr. med. Christoph HARTUNG [1779 - 1853] war einer der umstrittensten und bekanntesten Ärzte seiner Zeit. Er, der erst im Alter von 33 Jahren in Wien zum Doktor der Medizin promovierte und außer deutsch fließend französisch, latein, italienisch und polnisch sprach, stand seit 1800 im österreichischen Militärdienst. Als Anhänger und leidenschaftlicher Verfechter der Homöopathie, die zu Anfang des 19. Jahrhunderts von der rationellen medizinischen Schule heftig angegriffen und in Österreich im Jahre 1819 sogar verboten wurde, setzte sich HARTUNG vielen Anfeindungen und Anschuldigungen aus. HARTUNG, der seit 1833 in Mailand als oberster Militärarzt des lombardisch-venetianischen Königreichs in Mailand wirkte, wurde durch seine vielen, durch die Homöopathie bewirkten Heilerfolge weithin bekannt und ein von der "upper ten thousend" gesuchter Arzt. International wurde HARTUNG aber erst durch die augenärztliche Behandlung des Feldmarschalls RADETZKY im Jahre 1841 bekannt. Dieser Krankheitsfall erregte in der medizinischen Fachwelt des europäischen Kontinents großes Aufsehen.

RADETZKY erkrankte im Jahre 1840 an einer bösartigen Geschwulst in der Augenhöhle, die von HARTUNG - auf Ersuchen RADETZKYS - behandelt wurde. Bei der Bedeutung des Kranken und der Schwere der Erkrankung wurde der bekannte Professor der Augenheilkunde, Dr. FLARER aus Pavia, und der berühmte Professor Friedrich JÄGER aus Wien, den Kaiser Ferdinand I. von Österreich abgeordnet hatte, hinzugezogen. Die beiden Notabilitäten hielten nach eingehender Untersuchung eine Behandlung für aussichtslos, da sie ein Carcinom konstatierten. HARTUNG teilte deren Ansicht nicht und war nach Aufforderung RADETZKYs bereit, die Behandlung allein und auf seine Verantwortung hin nach homöopathischen Prinzipien zu übernehmen. Für den 75jährigen RADETZKY, dem ein apoplektischer Anfall drohte, verwandte HARTUNG während seiner Kur folgende homöopathischen Mittel: Aconit, Baryta carbonica, Zincum metallicum, Anarcardium orientale, Calcarea carbonica, Euphrasis, Mercurius Hahnem., Mercurius sublimatus corrosivus, Antimonium crudum, Digitalis, Thuja occidentalis X guttam - aquae destill. com uncias tres. Sie beseitigten in wenigen Monaten das Schwammgewächs in der Augenhöhle und stärkten in beachtlicher Weise den Total-Organismus.

Der Feldmarschall diente danach dem österreichischen Staat noch 16 Jahre als Oberbefehlshaber der österreichischen Truppen und Generalgouverneur des lombardisch-venetianischen Königreichs. Als solcher hat er 1848 und 1849 zwei siegreiche Feldzüge gegen Piemont geführt.

 

Die Heilung RADETZKYS durch den Homöopathen war Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen in den europäischen Zeitungen. Die Anhänger der Allopathie und Homöopathie standen sich diametral gegenüber und schreckten selbst vor bewußten Lügen und persönlichen Schmähungen nicht zurück. Ein persönliches Schreiben Feldmarschall RADETZKYS an die "Wiener Zeitung", in dem RADETZKY öffentlich für HARTUNG Partei ergriff, wurde von der Redaktion mit Rücksicht auf die Wiener medizinische Fakultät nicht veröffentlicht. RADETZKY schrieb:

 

Der Unterzeichnete ward schon vor längerer Zeit von einem Augenübel befallen, welches im verflossenen Herbste in Folgen einer größeren körperlichen Anstrengung plötzlich so zunahm, daß er sich nicht bloß mit dem Verluste seines rechten Auges bedroht sah, sondern nach dem Charakter, den die Krankheit anzunehmen schien, sein Leben selbst Gefahr lief. So wenigstens war die Meinung zur Rate gezogener, erfahrener und geschickter Augenärzte.

 

Unter diesen gefahrdrohenden Umständen gab ich mich mit vollem Vertrauen der alleinigen Behandlung meines homöopathischen Arztes, des k. u. k. Rathes und Dirigierenden Stabsarztes Dr. med. HARTUNG hin, und seiner Erfahrung und Wissenschaft gelang es, in verhältnismäßig kurzer Zeit mich von meinem bereits einen hohen Grad erstiegen habenden Übel zu befreien.

 

Die Würdigung des bei dieser Kur entwickelten wissenschaftlichen Verfahrens, muß ich der ärztlichen Facultät anheim stellen, allein ich kann mich unmöglich auf einen stillen Dank beschränken, ich will, daß die Welt erfahre, welch lebhaftes Dankgefühl mich dem Manne verpflichtet, dem ich die Erhaltung meines Gesichtes und Lebens verdanke. Darum ersuche ich die Redaktion der Wiener Zeitung, diesen Zeilen Raum in ihren Spalten geben zu wollen. Möge die Wissenschaft durch diesen ohne Zweifel seltenen Fall um eine kostbare Erfahrung mehr bereichert werden, dann werde ich meines Lebens als einer weisen Fügung der göttlichen Vorsehung mit Dank und Beruhigung gedenken.

 

Mailand, 12. Mai 1841

 

Graf Radetzky m. p.

Feldmarschall

 

Hier die Hartungschen Augenzeichnungen, die den Verlauf der Heilung dokumentierten.

Augentumor - Anfangsbefund

Augentumor 2

Auge nach Heilung

Die Umstände der Heilung RADETZKYS sowie des nachfolgenden Intrigenspiels der Presse und der allopathischen Mediziner wurden 1843 in München von der Dr. C. Wolfschen Buchdruckerei unter dem Titel "Geschichte und Dokumente der Krankheit und Heilung Sr. Exc. des k. k. Feldmarschalls etc. Grafen Radetzky auf homöopathischem Wege gegenüber den Lügen und Schmähungen Pseudonymer" veröffentlicht und dürfte für jeden kulturgeschichtlich Ambitionierten äußerst interessant sein.

 

"Wer das Glück hat, führt die Braut heim." Durch die glückliche Behandlung RADETZKYS wurde HARTUNG so berühmt, daß der Adel der Lombardei und die Crème der Mailänder Bürgerschaft den bekannten italienischen Bildhauer Francesco BROGGI [gest. 1857 in Mailand] beauftragte, zu Ehren HARTUNGS eine Portraitmünze zu entwerfen, die dann einmal in Gold und mehrfach in Silber und Bronze geprägt wurde. Die goldene Gedenkmünze wurde HARTUNG am 11. 5.1843 in einem feierlichen Akt zusammen mit einer Ehrenurkunde, die die Unterschrift der 64 Stifter trug, in Mailand überreicht.

 

Das erfolgreiche homöopathische Wirken HARTUNGS erfuhr auch der in Paris lebende Begründer der Homöopathie, Samuel HAHNEMANN, der zum Dank und als Anerkennung für den großen Dienst, den HARTUNG der Homöopathie erwiesen hatte, ein in Karniol graviertes Portrait überbringen ließ, HARTUNG schreibt am 6. 3. 1843 u. a. an HAHNEMANN:

 

"Die Baronesse von Bender, welche von Paris nach Mailand zurückkam, beehrte mich mit einem Besuche und überreichte mir Dero in Carniol graviertes Portrait mit der Zusicherung, daß sie sich ihres angenehmen von Ew. Hochwohlgeboren erhaltenen Auftrages hiermit entledige."

 

Als Aquivalent für das steinerne Portrait übersandte Christoph HARTUNG seine Portraitmünze aus Gold, zugleich aber auch eine Abhandlung über seine homöopathischen Erfahrungen in der Mailänder Praxis mit der Bitte um Begutachtung. Daraufhin schrieb die Gattin HAHNEMANNS:

 

 

Paris, 30. Juli 1843

1, rue de Milan

 

Sehr geehrter Herr Doktor!

Ich empfange mit herzlichem Dank die Medaille, die Sie darstellt, und die Sie die Güte haben, mir zu schicken. Es hat meinen lieben HAHNEMANN sehr gefreut, sie von Ihnen zu erhalten, denn er ist immer glücklich und stolz über Erfolge seiner Schüler. Ich stelle Ihnen Ihr Werk wieder zu, über das Sie HAHNEMANNS Ansicht wünschten, und ich möchte Ihnen in seinem Namen sehr anraten, es sobald wie möglich zu veröffentlichen. HAHNEMANN hat es zu Dreiviertel gelesen; er billigte seinen Inhalt völlig, und wünschte die Veröffentlichung. Die Krankheit hat ihn dann überrascht, mitten im Lesen, das er nicht mehr ganz zu Ende führen konnte.

Gott segne Sie, mein Herr, und erhalte Ihnen Ihre Lieben und bewahre Sie vor der schrecklichen Hoffnungslosigkeit, in der ich mich befinde !

 

M. Hahnemann

 

 

 

Man geht sicherlich nicht fehl, daß diese homöopathische Schrift die letzte war, die Samuel HAHNEMANN vor seinem Tode am 2. 7.1843 gelesen hat.

 

Das Hahnemannsche Karneol-Portrait wurde als Ring gefaßt und befand sich mehrere Generationen lang im Besitz der Familie HARTUNG v. HARTUNGEN. Der Urenkel Dr. Christoph HARTUNGS, Doz. Dr. med. Christoph HARTUNG v. HARTUNGEN, übergab den Ring und eine Marmorbüste HAHNEMANNS, die Christoph HARTUNG kurz nach dem Tode HAHNEMANNs auf dessen Veranlassung hin überbracht wurde, Prof. Dr. H. RABE, einem Berliner Homöopathen. Nach ihm erhielt den Ring Dr. VON PETZINGER, Hameln, wo er sich zur Zeit befindet. Er ist das medizinische Pendant des Iffland-Ringes.

Die Hartungsche Schrift über sein Leben und seine Praxis in Mailand erschien 1848 in Augsburg unter dem Titel "Memoiren aus dem Leben und Wirken eines Arztes". Es ist jedoch nicht unter seinem Namen veröffentlicht worden, da das wegen der österreichischen Zensurbestimmungen verboten war. Es wurde deshalb von Prof. Dr. BUCHNER, einem Münchener Homöopathen, herausgegeben.

 

Der Tod holte den 74jährigen HARTUNG am 5. 6. 1853 während einer Kur in Baden bei Wien. Er beendete ein Leben, das von dem leidenschaftlichen Einsatz für die wissenschaftliche Homöopathie gekennzeichnet war.

Sein Sohn, Dr. Erhard Hartung v. Hartungen (1819 - 1893), sein Enkel, Dr. Christoph Hartung v. Hartungen (1849 - 1917) und sein Urenkel, Doz. Dr. Christoph Hartung v. Hartungen (1882 - 1967) wurden gleichfalls bedeutende Homöopathen.

 

Mitgeteilt von Klaus Hartung von Hartungen, 1968

 

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Ein Literaturhinweis:

Unter dem Titel: "Kaiserlich-königlicher Rath und dirigirender Stabsarzt Dr. Christoph Hartung - Ein bedeutender Homöopath der ersten Stunde" ist von Univ.Prof.Dr.med. Erhard Hartung eine Broschüre mit einer kurzen Biographie/Bibliographie Christoph Hartungs erschienen. Sie enthält Beschreibungen seiner familiären und gesellschaftlichen Verbindungen, sowie einige Ausschnitte aus der Tumor-Behandlung des Feldmarshalls Radetzky. Homöopathisch interessant ist dabei u.a. die Tatsache, daß Hartung zur Behandlung neben anderen Arzneien "Herpetin 30", also eine Herpes-Nosode eingesetzt hatte. Nach dieser Verordnung kam es zu keinem weiteren Wachstum des Tumors mehr, bzw. unter dem weiteren Einfluß von Carbo animalis und Thuja verschwand der "Schwamm".

Die Broschüre ist 1998 im Verlag Elke Kinesberger, Nürnberg erschienen und trägt die ISBN-Nummer: 3-923995-13-X

 

Thomas Wedemeyer

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