Zur Artikelübersicht

Zurück zur Startseite

 

Zur Behandlung der Condylome

 

Anfang August 1883 sollte ich auf eine briefliche Mittheilung hin einen guten Rath geben wegen eines stationär und völlig isoliert auftretenden Leidens, bestehend in dem Vorhandensein von Condylomen an der Glans penis bei einem jungen Manne, der vor längerer Zeit Syphilis überstanden hatte.

Mich lediglich auf die Erfahrung stützend, dass gegen Condylome Thuja so spezifisch zu sein pflegt, wie beispielsweise Chinin gegen Wechselfieber (d.h. weder alle Wechselfieber werden von Chinin, noch alle Condylome von Thuja geheilt) verordnete ich zunächst eine Gabe Thuja 30 (d.i. ein Tropfen der 30. Decimale auf Milchzucker, dieses Pulver auf einmal vor dem Schlafengehen trocken), blieb die gehoffte kurative Wirkung aus, so war doch der physiologische und pathogenetische Effekt höchst bemerkenswerth. Patient schreibt nämlich nach circa 14 Tagen:

"Nach dem Einnehmen wurde unter der Vorhaut eine kleine Quantität schleimiger Masse abgesondert, und zwar merkte ich dies des Morgens beim Aufstehen, welche etwas ätzend auf die sie umgebenden Theile einzuwirken schien und hat sich dies etwas stärkere Jucken bis heute fortgesetzt. Die schleimige Masse entfernte ich jeden Morgen durch lauwarmes Wasser."

Diese handgreifliche Beeinflussung der Affektion (s.g. Eicheltripper) nach einer Gabe des Mittels in infinitesimalem Verhältniss ist ebenso unleugbar, als staunenswerth. Letzteres freilich nur für den, der mit Thuja noch nicht viel operirt hat. Es sei hier noch daran erinnert, dass Dudegeon, ein vorzüglicher Gewährsmann, durch das zufällige Kauen von Thuja-Blättern bei Gelegenheit eines Spazierganges eine förmliche Gonorrhoe bekam, die ihm nicht geringe Verlegenheit bereitete, bis er hinter die allein mögliche Ursache kam.

Auf Thuja sollte Patient Acidum nitricum folgen lassen, was auch drei Tage nach der einmaligen Thuja-Gabe geschah. Eine Veränderung der Condylome trat darnach nicht ein. In oben erwähnten Berichte heisst es übrigens am Schluss: "Die Condylome sind, ganz wie Sie vermutheten , trocken und spitz."

In der Voraussetzung, dass hier eine tiefere Potenz der Mittel mehr leisten könnte, verliess ich Acidum nitricum und das Specificum Thuja noch nicht, sondern liess noch längere Zeit beide in der 3. Decimale weiter nehmen (früh und abends je 3 Tropfen des einen Mittels, nach 8 Tagen des anderen), auch Nachts Bäuschchen auflegen, welche mit Thuja-Lösung getränkt worden waren (10 Tropfen Thuja 3. Decimale auf 10 Theelöffel laues Wasser).

Nachträglich bemerkt Patient, "dass die Eichel fast ganz wenig absondert." Ferner: "Was die Auswüchse selbst betrifft, so konstatire ich, dass selbige wohl nicht größer geworden sind, wohl aber mehr Zacken erhalten haben (ähnlich wie schmelzender Schnee), so dass ich den ersten schritt zum Verschwinden vermuthe.

Seit gestern habe ich nur Acidum nitricum innerlich genommen und empfinde ich seit dieser Zeit ein etwas stärkeres Jucken an den Condylomen; an letzteren spüre ich auch beim Urinlassen (d.h. bei Berührung) ein Brennen, indess nicht schmerzhaft."

 

- Um es kurz zu machen, nach Thuja, evtl. Acidum nitricum zeigt sich zwar eine schwache Reaktion, allein ein wirklicher Heilungs-Process, wie aus den weiteren Mittheilungen hervorgeht, erfolgt nicht.

Dagegen schreibt Patient unter dem 13. December desselben Jahres:

"Ein Freund, den ich ins Vertrauen zog, rieth mir Calomel anzuwenden und zwar in der Weise, dass ich betreffendes Pulver auf die Auswüchse täglich einmal streuen sollte. Dieses angewandt spürte ich schon nach 14 Tagen eine Verkleinerung der Auswüchse, die nun heute bis auf ein Minimum reducirt sind."

 

 

Dr. H. Goullon

 

 

 

 

 

Zeitschrift des Berliner Vereins homöopathischer Ärzte; Band V, Berlin, 1886, Seiten 57 - 59

 

__________

Anmerkung1: Calomel = Mercurius dulcis hat Condylome der äußeren Genitalien im Arzneibild.

Anmerkung 2: Das die medizinischer Versorgung einer Syphilis heute anders geregelt (Infektionsschutzgesetz) ist als 1883 sollte jedem Leser klar sei. Nähere Informationen dazu finden sich auf der Website des Robert Koch-Instituts.)

Zur Artikelübersicht

Zurück zur Startseite