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Aus der Praxis.

Von Dr. Mau, Bad Schwartau.

1. In Nr. 9, Seite 104 dieser Zeitschrift habe ich einen Fall veröffentlicht, wo eine üble Körperausdünstung durch Medorrhin, die Nosode des Trippers geheilt wurde. Man kann als Diagnose nur sagen, daß der Körper mit Krankheitsstoffen beladen, verschmutzt war, die sich durch den Stoffwechsel andauernd neu bildeten, d. h. eine Autointoxikation (Selbstvergiftung), die in diesem Fall angeerbt war. Als solche haben wir viele chronische Krankheiten anzusprechen, daher der Erfolg mancher

Diätkuren, welche entgiftend, reinigend auf den Körper wirken, wie die Schrothsche Kur, die Fastenkur, die Rohkostkur. Erstere ist die eingreifendste, am schnellsten, letztere die am langsamsten wirkende, dafür aber auch mildeste Form, die noch manchem hilft, der mit Bezug auf schärfere Kuren nicht mehr "kurfähig" ist. Diese sehr nützlichen Kurverfahren haben sich noch nicht recht Bahn brechen können. Es ist

nicht Mode! Was vermag Vernunft gegen die Mode? Und dann: diese Kuren verlangen mehr oder weniger, daß der Kranke einigen sonst gewohnten Genüssen entsage, sie stellen gewisse Anforderungen an die

Willenskraft, an die Energie, und das paßt den meisten nicht, denn die Menschen von heutzutage sind Genußmenschen, und sogar, wenn ihnen klargemacht wird, daß sie, um den jetzigen Beschwerden zu entgehen und um wieder genußfähig zu werden, vorübergehend bestimmter Dinge sich zu enthalten haben, sind sie oft nur schwer dazu zu bewegen. So

wollte einst eine Dame, die seit Urzeiten viel zu viel gegessen und getrunken und viel zu üppig gelebt, die nur 1 aus diesem Grunde eine ganz besonders qualvolle Schwangerschaft und dito Geburt durchgemacht hatte, sich wegen verschiedener Beschwerden, Fettherz usw. von mir behandeln lassen, aber als ich von Beschränkungen in der Diät anfing, machte sie ein trauriges Gesicht und kam nicht wieder. Ein amerikanischer Arzt sagte einmal, wenn wir einem Patienten, der andauernd zuviel ißt, der die Freuden einer guten Tafel und eines guten Trunkes über alles schätzt, der davon allmählich Magen- und andere Beschwerden bekommt, der nun zum homöopathischen Arzt geht, um mit einigen Streukügelchen seine Beschwerden los zu werden, wenn wir also einem solchen Patienten Nux vomica geben und ihn laufen lassen, so sind wir Narren. Aber gewiß, das Publikum verlangt es. Wenn wir unseren Patienten auch nur die allergeringsten Diätvorschriften geben, um sie wirklich gesund zu machen, die meisten solcher Kranken wollen gar nicht gesund werden. Um nun nochmals auf den obigen Fall 11 von übler Körperausdünstung zu kommen - die Patientin war bedienstet in einem

besseren Hause, wo sich auch einige Schüler in Pension befanden, welche sie, wenn unter sich, den "Bocksgestank" nannten, nach Horaz: Pastillos Rufillus olet, Gargonius hircum (nach Pastillen duftet Rufillus, wie ein Bock Gargonitis), und wenn das Mädchen im Zimmer gewesen war und Bett usw. in Ordnung gemacht hatte, soll das später bei Rückkunft der Schüler per nares noch wahrzunehmen gewesen sein - so bin ich überzeugt, daß die Patientin auch durch eine entgiftende Diätkur hätte geheilt werden können, ich bin aber ebenso überzeugt, daß sie dadurch nie geheilt worden wäre, einfach weil sie einer solchen sich nie unterzogen haben würde. Und wenn man zum Homöopath geht, so will man durch Homöopathie, nicht aber durch Diät geheilt werden!

2. Ein kleines Mädchen von etwa 8 Jahren leidet an Borkenekzem im Gesicht. Malandrium 200 alle 14 Tage eine Dosis heilte in ungefähr einem Vierteljahr. Ehe ich dieses Mittel kennen lernte, behandelte ich Borkenausschläge mit S u l f u r j o d a t u m, welches Mittel auch half. Das Pferdemaukegift hat aber eine tiefer greifende Wirkung; es hilft auch, wenn die Impfung an solchem Ekzem schuld ist. Denn die Kuhpocke entsteht am Euter, wenn Kühe da lagern, wo mit der Mauke behaftete Pferde geweidet haben. Das Mittel muß also neben V a r i o l i n dem Pockengift und Vaccinin dem Impfgift ätiologisch als Isopathicum bei den Folgen der Impfung angesprochen werden.

3. Morgens, vor der Sprechstunde, wird ein Besuch bestellt, und ich möge sofort kommen. Ich finde einen Mann in den Vierzigern, der seit 1 oder 2 Uhr nachts an Erbrechen und Durchfall leidet. Stühle und Erbrechen etwa alle halbe Stunde, aber jetzt schon nachlassend. Kolik vor und bei Stuhl, kalter Stirnschweiß, nach den Entleerungen große Schwäche und Erschöpfung. Das Entleerte wurde bald dünnflüssig, ähnlich wie Reiswasser, und kam in großen Massen. Veratrum album 30 alle halbe Stunde eine Dosis.

Als ich den Kranken nachmittags um 2 Uhr wiedersah, hatten die Ausleerungen ganz nachgelassen, die Nacht darauf verlief gut, und am anderen Morgen bekam er noch C h i n a 2, zuerst alle Stunden, dann alle 2 Stunden, 5 Tropfen zu nehmen. Der Patient litt heftigen Durst und wollte immer gleich ein großes Glas voll ganz kaltes Wasser trinken, möglichst mit etwas Essig oder Zitronensaft dazu, ich riet ihm aber zu heißem Tee mit etwas Rum dazu, was ihm auch gut bekam: nachher bekam er Haferschleim mit Rotwein dazu. Bei den Stuhlentleerungen ließ ich den Kranken nicht außer Bett gehen, sondern ihm wurde ein gewärmtes großes Stück Gummiunterlage gegeben, welches nötigenfalls sogleich gewechselt wurde, wobei der Körper mit warmem Wasser gereinigt ward. Daß der Patient nicht noch in der Nacht nach mir geschickt hatte, darüber wird sich jeder wundern, der dies liest, ausgenommen - Ärzte.

4. Einst wurde ich zu einem schweren Fall von Cholera nostras bei einem einvierteljährigen Kinde gerufen. Der Brechdurchfall bestand seit 3 Wochen und war bereits ohne Erfolg vom Kassenarzte behandelt worden. Die Charakteristika des Falles sind mir nicht mehr erinnerlich, aber die Mutter, welche das Kind an der Brust hatte, trank immer Kognak, Rum und Bier, um imstande zu sein, dem Kinde recht viel Nahrung geben zu können. Sie bedachte dabei aber nicht, daß der Alkohol wohl ein Reizmittel, aber kein Nährmittel ist, und daß es hier nicht auf die Quantität, sondern auf die Qualität ankommt. Ein auf solche Art hervorgerufenes Plus an Milch ist stets minderwertig und dem Kinde nicht zuträglich. Hat die Mutter nicht genug Milch und will sich die Menge auch durch eine vernünftige eiweiß- und nährsalzreiche Kost nicht vermehren, so ist als Surrogat Dr. Lahmanns Pflanzenmilch dem Kinde sehr zu empfehlen. Diese Milch ist so vorzüglich, daß ich nicht anstehe zu behaupten, sie ist in vielen Fällen besser als die Muttermilch. Zuerst wollte ich Nux vomica geben, aber die Symptome dieses Mittels waren nicht vorhanden, und ich erinnerte mich, vor Jahren in einem amerikanischen Blatte gelesen zu haben, daß man nie ein homöopathisches Mittel geben dürfe, wenn es nicht in Symptomenähnlichkeit auf den Fall passe. Ich gab daher zuerst ein oder einige andere Mittel, die zu passen schienen; welches, ist mir nicht mehr erinnerlich. Als darnach aber nach mehreren Tagen der Zustand sich gar nicht änderte, gab ich beiden, Mutter und Kind, Nux vomica D3, zweistündlich zu nehmen, worauf sofort der Zustand sich besserte und in acht Tagen das Kind genesen war. Es scheint mir daher doch die alte Tradition, daß man "nach allopathischer Behandlung und vielem Medizinieren" sowie auch nach Mißbrauch von alkoholhaltigen Getränken, welche ich natürlich sofort der Mutter zu nehmen verbot, Nux vomica nicht vergessen soll, von großem Werte zu sein.

5. Ein junges Mädchen leidet seit 2 Tagen an akutem Schnupfen infolge einer Erkältung. Die Nase läuft stark, so daß sie täglich mehrere Taschentücher verbrauchen muß, die Absonderung ist ganz wässerig-dünn, farblos und scharf, brennend, Nasenlöcher und Oberlippe rot und wund machend, welche schmerzen und brennen. Verordnung: 3 Pulver Arsen 30, zweistündlich eine Dosis zu nehmen und täglich eines der Pulver zu verbrauchen. Nach dem Verbrauch des ersten Pulvers war die Patientin schon so weit gebessert, daß weitere Arznei nicht notwendig war.

6. Ein kleines Mädchen von eineinhalb Jahren hat mit einem halben Jahr die Gelbsucht gehabt. Sie ist dabei 14 Tage lang allopathisch behandelt worden. Arznei soll sie keine erhalten haben. Nach 14 Tagen war die kleine Patientin genesen, aber seitdem ist ihr Gemütszustand ein anderer geworden, sie ist äußerst unartig, ja wütig; bekommt sie einmal ihren Willen nicht, so schreit sie nicht, sie brüllt und ist dann durch nichts zu beruhigen. Daß dieser Gemütszustand in einer anormalen Beschaffenheit der Leber begründet war, ist klar, denn wenn kranke Organe nicht behandelt werden, bleiben sie krank, wenn auch vielleicht die objektive Untersuchung ein völlig negatives Resultat ergibt, was hier der Fall war. Ich konnte als Diagnose nur einen anormalen Zustand der Leber annehmen, der offenbar seinen Grund darin hatte, daß es während des akuten Stadiums der Gelbsucht an den homöopathischen Mitteln gefehlt hatte. Unter Cholesterin und Nux vomica gelang es nach einiger Zeit, den Fall zu hellen. Manche Eltern glauben in solchen Fällen, wie z. B. auch bei Bettnässen mit allen möglichen Mitteln, unter denen auch der Stock eine nicht unbedeutende Rolle spielt, "erziehlich" einwirken zu müssen, ohne zu bedenken, daß sie mit ihrer Torheit dem Kinde nicht nur schweres Unrecht, sondern auch schweren Schaden tun. Namentlich die Seele leidet, das Kind fühlt das Unrecht ganz richtig heraus. Auf diese Weise "erzogene" Tiere, z. B. Hunde, werden später bösartig, unter Umständen können sie dauernd verschüchtert bleiben.

7. Einen ganz ähnlichen Fall bei zweijährigem Kinde heilte ich mit denselben Mitteln. Hier hatte das Kind selbst keine Gelbsucht gehabt, aber sein Vater hatte mehrere Jahre vor der Geburt des Kindes in den Tropen das Wechselfleber gehabt und war allopathisch behandelt worden.

 

Der Artikel erschien in der "Leipziger Populäre Zeitschrift für Homöopathie", 1923, Heft 12, Seiten 147 - 149

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