Ein Fall von Carcinomheilung.Von Dr. Eli G. Jones
Am 2. Februar 1904 kam eine tiefverschleierte und eines Stockes sich bedienende Dame in meine Sprechstunde. Sie schien sehr entkräftet zu sein. Als sie den Schleier lüftete, bot sich ein jämmerlicher Anblick. Vom inneren Augenrand ausgehend zog sich eine carcinomatöse Wucherung bis auf die Nase hinüber; sie nahm das obere und das untere Lid bis zwei Zoll unterhalb des letzteren ein. Das Auge selbst schien in der letzten Zeit durch den wachsenden Tumor gelitten zu haben und hätte zweifellos in der nächsten Zeit die Sehkraft verloren. Sie war viermal operiert worden; als dies ohne Erfolg war, wurde ein vergeblicher Versuch mit Röntgenstrahlen gemacht, dann wurde der Fall als incurabel aufgegeben. Vor fünf Jahren hatte sie eine Fraktur erlitten, die eine Schwäche des Beines zurück ließ, sodass sie sich des Stockes bedienen mußte. Die Patientin hatte das Vertrauen auf meine Hilfe gefasst, da ich ihre Schwester vor 18 Jahren wegen Brustkrebses mit Erfolg behandelt hatte.
Ich begann nun die Behandlung mit Phytolacca-Salbe (Saft der frischen Blüten mit Vaseline gemischt, durch Boericke & Tafel hergestellt), die ich auf Leinwand aufgestrichen über die ganze granulierende Fläche auftrug. Morgens und abends wurde gewechselt, dabei wurde die Fläche jedesmal einige Minuten in einer Lösung von warmem Wasser und Haselstauden-Extract zu gleichen Theilen gebadet. Innerlich gab ich Calium phosphoricum D3, 3x täglich 5 Tabletten und Silicea D12, 3x täglich 5 Tabletten. Calc-p. vor den Mahlzeiten, Sil. hinterher. Nach einer Woche war einige Besserung zu merken. Sie konnte jede Nacht ohne Schlafmittel schlafen, ihr Appetit und die Kräfte nahmen zu. Dieser Heilplan wurde ohne Änderung 3 Monate lang durchgeführt. Nach Verlauf dieser Zeit konnte sie ohne Stock gehen, die Geschwulst war vollständig geschwunden; an ihrer Stelle war gesund aussehendes Gewebe getreten. Das große Geheimnis des Erfolges in der Krebsbehandlung liegt nur in der Kunst, die der jeweiligen Krebsform entsprechende Behandlung zu finden. In 25 Jahren habe ich alle möglichen Formen gesehen, aber nie Fälle, die vollständig identisch gewesen wären. Seit dem Jahre 1869 habe ich die Auffassung, dass es sich bei Carcinose um eine lokale Manifestation einer Blutkrankheit handelt. Ich habe bei ausgedehnter Erfahrung nicht nöthig gefunden, von dieser Ansicht abzugehen. Ich habe noch nie eine Dauerheilung beobachtet bei Carcinomen, die chirurgisch behandelt worden sind. Durch die Behandlung mit Röntgenstrahlen sah ich bisher nie einen Fall heilen. Die Behandlung des Krebses ist eine Spezialität; wer sich damit befassen will, muss sich eine Lebensaufgabe daraus machen.
Der Artikel erschien in "The Hahnemannian Monthly", August 1904. Die hier wiedergegebene Übersetzung von Dr. Mossa erschien in der AHZ 1905, Bd. 150, Heft 15 u. 16, Seiten 135 - 136 |
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