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Die Mittelwahl. Immer und immer wieder wird von berufenster Seite gefordert, dass der Homöopath nicht Krankheiten, sondern kranke Individuen behandeln, dass er sich hei der Mittelwahl nicht nach Krankheitsnamen, sondern nach Krankheitserscheinungen richten soll.

 

Als warnendes Beispiel, wie man es nicht machen soll, erzählte Dr. Wesselhoeft in einer ärztlichen Versammlung folgende eigene Erfahrung aus früheren Jahren. Er wurde, von einem Kollegen bei einem schweren Typhusfall als Konsiliarius zugezogen. Der Patient war nahezu moribund; das Gesicht war kollabiert, die Haut livide verfärbt, die Augen eingesunken; ausserdem bestanden profuser, kalter Schweiss, -Krämpfe, Strabismus, unregelmässige Atmung, unzählbarer Puls, Unfähigkeit, zu schlucken; kurz der Kranke drohte jeden Augenblick auszulöschen. Nachdem Dr. W. sich den Pat. eine Zeit lang angesehen hatte, meinte er zum Kollegen, da wäre wohl nichts mehr zu machen, indes könnte man ja noch Helleborus versuchen, um nichts versäumt zu haben. Der Kranke starb aber trotz der ungünstigen Prognose nicht. Im Gegenteile als Dr. W. nach 5 Tagen, von neuem aufgefordert, den Patienten zum zweiten Male besuchte, war er zugleich überrascht und erfreut, denselben als Rekonvaleszeuten wieder zu finden. Indes nicht Helleborus hatte die Wendung zum Besseren gebracht. Der Kollege gestand offen ein, Hell. wäre ihm nach einiger Überlegung nicht recht passend vorgekommen; er hätte noch längere Zeit beobachtet und es wären ihm dabei besonders die folgenden Symptome aufgefallen: Die Krämpfe fingen stets im Gesicht an und verbreiteten sich von da über den Körper und endeten in den Fingern, die ausgestreckt und weit auseinander gespreizt wurden. Dieses besonders charakteristische Symptom neben den anderen bereits erwähnten Erscheinungen fand er nach eifrigem Studium unter Secale; und Secale erwies sich denn auch in diesem Falle als das wahre Heilmittel, das Simillimum.

New. Engl. med. Gaz. Dez. 1902. Gr.

 

In deutscher Übersetzung erschienen in der Zeitschrift des Berliner Vereins homöopathischer Ärzte, Band 22, 1903; S. 113

 

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