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Unterhaltungen über Themata aus der Arzneimittellehre

Von Dr. Paul Dahlke

XII.

B: Eins vermisse ich besonders, dass wir so gar keinen Anhaltspunkt für die Doisirung unserer Mittel haben. Ich kann mir kaum denken, dass es einerlei ist, ob ich eine Arznei in hoher oder in niedriger Verdünnung gebe, und doch haben wir keine Regeln hierüber.

A: Ich denke, eine Grundregel hätten wir doch. sie geht naturgemäß aus der ganzen Tendenz unseres Systems hervor. Diese Tendenz ist: Wie wenig kann ich geben, wie hoch kann ich gehen, um noch eine Einwirkung auf den Organismus auszuüben? In der Allopathie dagegen heißt es: Wie viel kann ich geben, ohne dem Organismus zu schaden? Eine Frage, die trotz ihrer vitalen Bedeutung eine Beantwortung garnicht zulässt.

Freilich auch unsere Frage: Wie hoch kann ich gehen? ist ohne Abschluss. Aber jeder wird zugestehen, dass dieses Manquo für die Krankenwelt von wesentlich anderer Bedeutung ist, als jenes in der Allopathie.

B: Um so erfreulicher ist es, dass einige Professoren der Naturwissenschaften sich auch dieser Frage zugewandt haben: Wie hoch kann ich gehen, um noch eine Wirkung zu haben? Eine bessere Bestätigung für unsere Lehre als die auf diesem Wege erzielten Resultate kann ich mir garnicht denken.

A: Dass die Sache sehr erfreulich ist, will ich gern zugestehen; dass sie aber eine Bestätigung für das Wesen unserer Lehre ist, bestreite ich ganz entschieden. Unser Triumphgeschrei bei solchen Entdeckungen ist zumindest überflüssig.

B: Sie überraschen mich. Wenn derartige Untersuchungen nicht der Weg sind, die Wirksamkeit hoher Verdünnungen zu beweisen, nun so weiss ich es nicht.

A: Thatsächlich beweisen solche Experimente für die Richtigkeit dessen, was Hahnemann die Potenz nannte, gar nichts. Wunderlicher Weise haben wir die Bestätigung für diese Potenzlehre, die ja schliesslich mit der Lehre von der Wirksamkeit der hohen Verdünungen identisch ist, bisher nur in den Fortschritten der Naturwissenschaften gesucht und begrüsst, aber nicht bedacht, dass auf diesem Wege in Wirklichkeit nichts gewonnen werden kann. Die moderne Naturwissenschaft dehnt nur die Grenzen der Wirksamkeit des Stoffes aus, allerdings in überraschender, ungeahnter Weise. Sie zeigt, dass Stoffe bis zur so und so vielten Verdünnung immer noch eine Einwirkung haben. Aber darum handelt es sich ja gar nicht für uns. Wenn Sie einen Professor frügen, ob er denn nun meine, dass dieser Stoff auch intensiver wirke, als in seiner groben Form, er würde Sie ansehen und denken: "der Kerl ist verrückt! Wie kann weniger mehr wirken, als viel."

Das hat aber Hahnemann gerade behauptet in seiner Potenzenlehre. Also muss seine "hohe Verdünnung" doch wohl etwas ganz anderes bedeuten, als die jener Experimentatoren. Thatsächlich bleiben die letzteren im Rahmen des Quantitativen, während Hahnemann etwas qualitativ Verschiedenes statuirte, gewissermassen etwas aus einer anderen Welt. Mann könnte sagen: da wo der Stoff, das Quantitative am Horizont der Erkennbarkeit verschwindet, da beginnt das eigentliche Gebiet, welches Hahnemann der Medizin eröffnet hat, als der erste. somit hat es herzlich wenig Bedeutung für den Homöopathen, ob die Grenzen des Stoffes bis zur 12ten nachgewiesen sind oder nicht; ja, mögen sie auch zur 20ten nachgewiesen sein: das Gebiet, welches Hahnemann in seiner Potenzenlehre eröffnet hat, beginnt eben jenseits dieser Grenzen des Stoffgebietes. Nicht, ob der Stoff bis soweit oder soweit wirkt, ist hier die Frage, sondern ob es jenseits der Grenzen des Stoffes eine andere, von der am Stoff hängenden toto genere verschiedene Kraft sich aufthut. Die Existenz einer solchen Kraft hat Hahnemann behauptet und sie ist durch unzählige Erfahrungsthatsachen am Krankenbett bewiesen worden.

Niemand wird natürlich annehmen, dass diese andere Kraft, diese, ich möchte sagen "Qualität" erst anfängt, wo der Stoff, die "Quantität" aufhört. Sie ist immer und überall da, sie tritt aber um so mehr zurück, je mehr der Stoff überwiegt. Das eigentliche, spezifische Gebiet des Homöopathen liegt offenbar erst da, wo diese andere Kraft in möglichst reiner, vom Stoff nicht behinderter Form wirken kann, daher die Neigung "in die Höhe zu gehen". Hahnemann stellte die 30. Centisimal-Verdünnung als Norm auf, weil er glaubte, für alle Fälle vor unliebsamen Kollisionen mit dem Stoff sicher zu sein.

B: Ich verstehe. Wenn wir nun aber mal über die Grenzen des Stoffes in jenes "andere" Gebiet hineingehen, dürfte es dann nicht ganz einerlei sein, ob wir 30. oder 200. oder millionste Verdünnung geben? Denn die Zahl ist doch auch etwas, was nur in Verbindung mit Quantität, mit der Stofflichkeit Sinn und Bedeutung hat.

A: Sie haben völlig recht. Wo kein Stoff mehr ist, da ist ein Unterscheiden zwischen mehr oder weniger kindisch. Aber erstens: Wer kann wissen, wie weit Stoff in Wahrheit reicht? Ich meine nicht im philosophischem Sinn, sondern soweit es die Einwirkung auf den menschlichen Organismus betrifft. Wer kann wissen, ob nicht alles Potenzieren bis in die höchsten Regionen nur ein zurückdrängen des Stoffes gegenüber jener anderen Kraft ist? Und zweitens: Wenn einer sagt, dass ihm die 200. besser wirkt als die 30., so muss jeder Verständige sich daran genügen lassen und denke: der Mann wird seine gründe haben.

B: wird aber diese "andere" Kraft sich jemals exakt nachweisen lassen?

A: Es giebt für die Medizin keinen exakteren Nachweis, als den am Krankenbett.

B: Das schon; ich meine aber den naturwissenschaftlichen Nachweis.

A: Die Naturwissenschaft klebt am Stoff, muss daher versagen, wo es sich um etwas jenseits des Stoffes handelt.

B: Somit wären wir hier lediglich auf den Glauben angewiesen und wir kämen von dem wissenschaftlichen auf das religiöse Gebiet.

A: Das möchte ich so unbesehen nicht hinnehmen. Was wissen wir denn offengestanden vom Wirken stofflicher Dosen? Halten Sie Wirkung und Gewirktes streng auseinander, und Sie müssen zugestehen, dass wir vom Wesen ihrer Wirkung genau so viel wissen, wie von der Wirkungsweise Hahnemann´scher Potenzen, d.h. absolut nichts. Die stofflichen Dosen haben freilich den Vorzug, dass das Produkt ihrer Wirkung für unsere Sinne leichter fasslich ist, als bei hohen Verdünnungen. Aber zugänglich ist bei beiden lediglich das Wirkungsprodukt. Warum und wie z.B. Ipecacuanha wirkt, das können Sie weder bei der 1000. Potenz noch bei der Grammdose beweisen. Bei der letzteren können Sie den Weg freilich ein Stückchen hinauf verfolgen, aber nur um ihn mit um so grösserer Enttäuschung sich im Dunkeln verlieren zu sehen. Also Hypothesen und Glauben hier wie da.

B: So scheinen Sie den Werth der Naturwissenschaften in der Medizin nicht gerade hoch anzuschlagen?

A: Wenn ich die Wahrheit sagen soll, so weiss ich nicht, ob diese Heirath mit der Naturwissenschaft der Medizin oder besser gesagt der Krankenwelt gerade sehr zum Segen gereicht hat. Die Frage ist zu weitläufig und zu schwierig um hier erörtert zu werden; aber ich will nur daran erinnern, dass diese Heirath nicht immer bestanden hat. Es gab eine Zeit, in welcher die Philosophie eine ähnliche Rolle in der Heilkunde spielte, wie jetzt die Naturwissenschaften. Auch damals glaubte man sicher, ebenso wie jetzt das Beste erreicht zu haben, und wer kann sagen, wobei die Kranken sich besser standen. Zur Zeit der Schelling und Oken machten die Mediziner ebenso in Philosophie, wie jetzt in Naturwissenschaft. Und Stahl, der freilich lange vor der naturphilosophischen Periode lebte, erklärte ausdrücklich die Physik, die Chemie und die Anatomie für solche Wissenschaften, deren Kenntniss dem Mediziner unnütz, ja schädlich seien. Er hat hierbei sicher übers Ziel hinaus geschossen; aber Sie sehen doch daraus, dass der Götzendienst, wie er heutzutage mit den Naturwissenschaften getrieben wird, nicht selbstverständlich ist und nicht immer bestanden hat.

Thatsächlich spielt Hahnemann´s ganzes System, insonderheit aber seine Potenzenlehre mehr auf philosophisches Gebiet hinüber, als auf naturwissenschaftliches. Die Analogien zur Hochpotenz sind in der Philosophie zu suchen, nicht in der Naturwissenschaft. Aber auch diese Frage ist zu weitläufig und zu schwierig, um hier abgehandelt zu werden. Wir wollen lieber zu Ihrer einleitenden Klage zurückkehren, dass es keine Regeln giebt für den Gebrauch hoher oder tiefer Verdünnungen. Vorausschicken will ich noch, dass die Potenzfrage streng genommen mit dem Aehnlichkeitsgesetz nichts zu thun hat. Das Similia similibus funkioniert auf der Basis stofflicher Arzneisubstanzen ebenso gut, wie auf der Basis sog. stoffloser. Homöopath ist aber derjenige, der den Sinn des Aehnlichkeitsgesetzes erfasst hat und in der Praxis zur Anwendung bringt. Ob er hoch oder tief giebt, kommt erst in zweiter Linie. So ist der rein theoretische Standpunkt. Thatsächlich aber wird derjenige, welcher den Aehnlichkeitsgedanken voll erfasst hat, bald herausfühlen, dass sein eigentliches Gebiet die jenseits der nachweisbaren Grenzen des Stoffes liegenden Verdünnungen sind. Im Gedankengang des Hahnemann´schen Systems liegt die Tendenz für hohe Verdünnungen mit inbegriffen, Darum halte ich es für Unrecht, sich gegen diese Tendenz zu sträuben. Ich denke immer, wer "a" gesagt hat, der kann auch "b" sagen, d.h. wer den Muth gehabt hat, den seine ganzen bisherigen Anschauungen auf den Kopf stellenden Simile-Satz anzuerkennen, der kann auch den Muth haben, an die hohen Potenzen heranzugehen, zumindest aber, sie unparteiisch und ernsthaft auf ihre Wirksamkeit hin zu prüfen. So stelle ich denn hiermit als erste und wahrscheinlich auch einzig mögliche Regel den Satz auf: Das Normale, Natürliche für uns sind die hohen Potenzen (ich denke hierbei an die 30.). Tiefe Verdünnungen sind die Ausnahmen und verlangen einen besonderen Grund für ihre Anwendung.

Aber ich vergass: Es giebt noch eine zweite Regel auf diesem Gebiet, sogar eine Hauptregel. Die lautet: Seid friedfertig! Es ist kaum zu glauben, wie diese Dosenfrage, eine frage zweitklassiger Natur, von jeher die Gemüther intra muros aufgeregt hat. so dass jene Haupt- und Staatsfrage: Was bedeutet similia similibus curantur? darüber vernachlässigt wurde.

Ohne Zweifel das Thörichtste sind die gegenseitigen Zänkereien. Denn wenn wir uns auch 1000 Jahre lang zanken, so profitirt die Sache doch keinen Deut davon. Und allein auf das Wohl der Sache kommt es doch an. Hier kann eben keiner den anderen überzeugen. Jeder muss selber das nöthige Lehrgeld bezahlen und sich selber das Nöthige ausprobiren. Und je tiefer die Sonne des ersten Enthusiasmus sinkt, d. h. je länger der Schatten der Erfahrung wird, den wir hinter uns ziehen, um so mehr werden wir geneigt sein, hier vorsichtig zu urtheilen und anderen nicht zu nahe treten. Aber soviel, denke ich, steht fest: Wie jemand, der eine Sonate oder ähnliches ganz in forte oder ganz in piano spielt, kaum ein guter Pianist sein kann, so wird auch jemand, der alles hoch oder niedrig giebt, kaum ein guter Arzneikenner sein. So handeln, heisst die Winke der Natur missachten, die auch nicht alles über einen Leisten arbeitet. Daher bleibt nichts übrig, als fleissig und aufmerksam zu probiren.. Die Basis für dieses Probiren bleibt aber jene obige: Die hohe Verdünnung ist die Regel, die tiefere die Ausnahme.

 

Wenn ich Ihnen jetzt einige praktische Angaben mache, so bitte ich, dieselben im Licht des bisher Gesagten anzusehen. Zur Besprechung sollen nur ein Paar der am meisten gebrauchten Arzneien kommen. Mit hoher Potenz ist die 30 Cent. gemeint; die Zahlenangaben bei niederen Verdünnungen bedeuten Dezimalen.

A c o n it.

Die hohe Verdünnung dominirt entschieden.

B.: Meinen Sie auch in jenen akuten Fällen, bei denen man das Mittel im Beginn giebt?

A.-. Auch hier; vielleicht, gerade hier mehr als anderswo. Die hohe Verdünnung leistet Ihnen hier alles, was Sie nur irgend berechtigt sind, zu erwarten. - Bei der Migraene und den übrigen Neuralgien des Mittels verdient die hohe Verdünnung wohl immer den Vorzug. Niedere Verdünnungen sind vielleicht am Platz bei manchen Lähmungen und bei jenen Formen von Herzleiden, die das akute Aconitbild repräsentiren. - Auch wenn Durchfall die Form eines Aconitleidens annimmt, hat die niedere Verdünung wohl mal den Vorzug vor der hohen.

B.: Meinen Sie nicht, dass man als Regel aufstellen kann: Die niedere Verdünnung entspricht mehr dem sthenischen, fieberhaften Aconitbild, die hohe Verdünnung mehr dem asthenischen, nervösen Bild?

A.: Ich meine, diese Unterscheidung ist ganz künstlich und kann vor der Praxis nicht bestehen.

 

Antimon crud. und tartar.

Beide Präparate habe ich in ihren Hauptwirkungsgebieten (d. h. Leiden der Verdauungsorgane für Antim. crud., Leiden der Athmungsorgane für Antim. tart.) mit Vorliebe in der 6. Verreibung resp. in einer aus dieser hergestellten Verdünnung gegeben. Bei chronischen Hautleiden habe ich das Antim. crud. oft in dritter Verreibung gegeben. Den Aethiops antim. habe ich bei akuten Augenentzündungen, die zur Geschwürbildung auf der Cornea geführt hatten, mit glänzendem Erfolg in der dritten Verreibung gegeben.

 

Apis mellif.

Ueber das Mittel ist es schwer, etwas Bestimmtes zu sagen, nicht nur in Bezug auf die Gabengrösse, sondern meinem Gefühl nach auch in Bezug auf die therapeutische Verwendbarkeit. Am besten gesichert scheint mir seine Wirkung zu sein bei Erysipel, bei gewissen Formen des Durchfalls und der Halsentzündung und bei Affektionen der Ovarien. Unter welchem Bilde die genannten Krankheiten auftreten müssen, um für Apis passend zu sein, werden Sie aus den Lehrbüchern leicht ersehen können. Gegeben habe ich das Mittel in der 6. und 12. Verdünnung.

 

Argentum.

Gehört zu den Mitteln, die am besten in den hohen Potenzen gegeben werden. Doch kann, wenn dieselben versagen, das Dazwischenschieben einzelner Dosen einer Tiefpotenz (4. bis 6.) sehr zweckmässig sein. Nur glaube ich bemerkt zu haben, dass diese massiveren Dosen bei Leiden, die mit jenem Argent.-Schwindel komplizirt sind, nicht gut anwendbar sind, weil sie Verschlimmerung hervorrufen.

 

Arnica.

Würde sicher mehr leisten, wenn es höher gegeben würde. Die niedere Verdünnung ist vielleicht noch am ersten indizirt bei gewissen Magen-Darmleiden mit jenen blutigen, stinkenden Stühlen.

 

Arsenicum alb.

Dieses grossartige Mittel gehört zu denjenigen, welche ihre Hauptwirksamkeit erst in den hoben Potenzen zeigen. Zum mindesten ist es bei wenigen Mitteln so wichtig, wie bei diesem, dass der Anfänger hoch beginnt und vorsichtig probirend abwärts geht.

Ich glaube nicht, dass es ein Arsen.-Leiden giebt, bei welchem die niedere Potenz als Regel vor der hohen den Vorzug verdient. Aber es mag Ihnen vielleicht mal passiren, dass Sie bei asthmatischen Zuständen, oder bei Morb. Brightii, oder bei gangränösen Prozessen irgend welcher Natur zu mittleren oder tiefen Potenzen hinuntersteigen müssen.

B.: Meinen Sie nicht auch, dass man bei der Psoriasis das Mittel tief geben muss?

A.: Ich habe mit dem Arsen bei der typischen Psoriasis, soweit ich mich entsinne, nur Misserfolge gehabt. Ich schliesse daraus, dass das Mittel hier nur in der vollen allopathischen Dosis wirkt und dass es daher mit seiner Homöopathizität in diesem Leiden nicht weit her sein kann.

Ich erinnere Sie auch daran, dass die Erfolge bei Cholera zum guten Theil mit niederen Verdünnungen erzielt worden sind.

B.: Verwenden Sie Arsen oft bei Unterschenkelgeschwüren?

A.: Es ist hier eines der am häufigsten indizirten Mittel. Erstens haben Sie jene schwere Form mit grossen Defekten, dunklem, schmutzigem Grund, stinkender Sekretion. Hier wird Arsen wahrscheinlich zu oft gegeben. Dann aber haben Sie eine andere Form, die Ihnen in der Praxis unendlich häufig vorkommen wird. Meist handelt es sich um Frauen, die so und so oft geboren haben und seit Jahren an Krampfadern leiden. Bei ihnen bildet sich etwa über dem Malleolus meist ohne jede Veranlassung ein Ding wie eine kleine Erosion, die von etwas Röthe umgeben ist und meist wie -narbig eingezogen aussieht. Die ganze Sache sieht unbedeutend aus und doch leidet die Kranke Höllenpein, besonders des Nachts. Der Arzt selber frägt sich: Wie kann solch ein unbedeutendes Ding nur so viele Schmerzen machen? Dieses Missverhältniss zwischen dem Aussehen der kranken Stelle und den Beschwerden, welche sie hervorruft, ist ein Hinweis auf Arsen. Aber hier warne ich Sie vor Allem, gleich mit der Thür ins Haus zu fallen und die niedrige Verdünnung zu geben. Mehr als anderswo ist hier die hochpotenzirte Dosis am Platz.

Aehnliches möchte ich von der Arsen-Augenentzündung skrophulöser Kinder behaupten. Auch hier wirkt meiner Ueberzeugung nach die hohe Verdünnuug so viel besser als die niedrige, dass Sie mit solchem Fall gut Propaganda für die 30. Potenz machen können.

Bei dieser Gelegenheit will ich Sie auch darauf hinweisen, wie sehr viel häufiger bei skrophulösen Augenentzündungen im weitesten Sinne das Arsen indizirt ist, als das gerade hier so arg missbrauchte Quecksilber. Es ist dies um so wichtiger, als. die Symptomenbilder des Arsen und des Sublimat sehr eng neben einander stehen.

 

 

Aurum.

Wollen Sie Aurum ganz würdigen lernen, so müssen Sie die ganze Skala der Potenzen durchgehen.

B: An anderer Stelle haben Sie bei diesem Mittel den niederen Potenzen den Vorzug gegeben.

A:. Ich habe nur gesagt, dass ich versäumt habe, die hohen anzuwenden. Ich habe seitdem aber diesem Mangel abgeholfen.

Bei Aurum vergessen Sie nicht jene Art des Gebrauches, dass Sie eine derbe Gabe geben mit langer Nachwirkung.

 

Baryta carb.

In seinem Haupt-Wirkungsgebiet, den verdickten Rachenmandeln und Rachenwucherungen, habe ich das Mittel stets in der 12. Verdünnung gegeben und bin überzeugt, dass es hier so viel geleistet hat, wie man bei so hartnäckigen Leiden nur irgend erwarten konnte.

Bei anderen Krankheiten, wie jenen Katarrhen alter Leute, beginnenden Gehirnleiden u. s. w. gebe ich es hoch.

 

Belladonna.

Hier möchte ich dasselbe sagen wie bei Aconit und Arsen: eine Nothwendigkeit zur niederen Verdünnung liegt meines Erachtens nicht vor. Ja. meiner Ueberzeugung nach wirkt die Belladonna, ebenso wie das Aconit bei fiebernden, erregten Kindern in zu starker Gabe gegeben, leicht verschlimmernd.

Niedrig gebe ich es fast nur, wenn der Gallensteinkranke neben seiner eigentlichen Arznei noch ein Palliativ für den Anfall verlangt. Ich gebe hier die 2. Dezimale, bin aber überzeugt, dass das Mittel dann nicht homöopathisch wirkt. Auch ist es mir vorgekommen, als ob manche Stickhustenfälle auf Bell. 3 d. besser reagiren, als auf die 30., aber durchaus nicht so häufig, dass ich hieraufhin die 3. anempfehlen möchte.

B.: Bei den Schmerzen der Carcinomatösen wird doch das Mittel auch empfohlen.

A.: Sie wird empfohlen, um etwas zu geben. Einwirkung habe ich weder von hohen noch niedrigen Potenzen gesehen.

 

Bryonia.

Die hohe Verdünnung thut alles, was man von dem Mittel erwarten kann.

 

Calcarea carb.

Die hohe Verdünnung ist die herrschende. Wer Calcar. nicht hoch zu geben versteht, der weiss nicht, was für eine Waffe er in der Hand hat. Man versuche z. B. bei jener spezifischen Schlaflosigkeit die hohe und die niedrige Potenz, und man wird sich leicht überführen. Auch bei jenen Knochenleiden im Kindesalter glaube ich nicht, dass die Verreibung einen Vorzug vor der hohen Potenz hat. Ausnehmen möchte ich nur die Wucherungen im Nasenrachenraum, bei denen ich als Regel die 12. Verdünnung gebe, weil sie mir das Beste zu leisten scheint. Nur nothgedrungen gehe ich nach oben oder nach unten.

 

Carbo veget.

Hohe Verdünnung, auch bei akuten Leiden, wie z. B. jenem Zustand bei Pneumonie, in dem Lungenlähmung droht. - Doch muss ich wahrheitsgemäss berichten, dass ich einst bei einem chronischen, nervösen Reizhusten einen geradezu zauberhaften Erfolg mit der aus der 6. Verreibung hergestellten Verdünnung erzielt habe.

 

Causticum.

Hohe Verdünnung.

 

Chamomilla.

Hohe Verdünnung.

 

China.

Ich glaube, die häufigste Anwendung in meinen Händen findet das Mittel bei Leberleiden, mit und ohne Gallensteine. Ich kenne kein besseres Mittel bei Cholelithiasis als die 3. Decimale von China, konsequent weiter gegeben. Welche Verdünnung für jene Chinaschwäche die beste ist, darüber kann ich nichts bestimmtes sagen.

 

 

Cimicifuga.

Erst seit ich sie hoch gebe, weiss ich, welch eine Acquisition unsere Materia medica mit diesem Mittel gemacht hat. Ihre spezifische Wirkung entfaltet sich erst in der hohen Verdünnung.

 

Ferrum.

Nicht unter der 6., wenn wirklich homöopathisch indizirt und nicht einfach auf den Begriff "Bleichsucht" hin gegeben.

 

Graphit.

Von ihm gilt dasselbe wie von Aurum: Wer es meistern will, muss alle Verdünnungen durchgehen. Seine eminente Wirkung gegen Darmträgheit entwickelt sich, wie ich gefunden zu haben glaube, am besten in der Verreibung, ein- bis zweimal wöchentlich eine Bohne gross gegeben. In den übrigen Leiden ziehe ich die hohe Verdünnung vor.

 

Hepar sulf.

Das ist eine schwierige Sache. Nehmen wir den häufigsten Gebrauch bei Eiterung, so gilt als Regel: Ist Eiterung schon da und soll beschleunigt werden, so gieb Hepar tief; ist Eiterung zu befürchten und soll vermieden werden, so gieb es hoch. Das sind Regeln, die sich auf dem Papier gut ausnehmen, in der Praxis aber vor der Eigenwilligkeit der Natur nicht Stand halten.

B.: Was ist dann aber zu machen?

A.: Ich antworte wie jener in jenem Göthe'schen Gedicht: "Da sehn Sie zu!"

 

Ignatia.

Hohe Verdünnung. Vielleicht mehr als bei irgend einem anderen Mittel geht hier durch Verabreichung niederer Verdünnungen das Beste verloren.

 

Kali bichrom.

Dieses schöne Mittel glaube ich mit bestem Erfolg in der 6. Verreibung zu geben.

 

Kali carbon.

Hohe Verdünnung.

 

Lachesis.

Hohe Verdünnung. Wenn bei halbseitig lokalisirter Angina Eiterung droht, so gieb eine Dosis Lachesis tief.

 

Lycopod.

Hohe Verdünnung.

 

Mercur.

Auch hier muss, wer es meistern will, die ganze Skala durchgehen. Bei den Beschwerden von Madenwürmern gebe ich Merc. sol. 3d. (vorausgesetzt natürlich, dass die Beschwerden das Mercurbild darbieten). Bei Lues, wenn frisch und unkomplizirt, gebe ich konstant Sublimat 6. Bei Nephritis (hier eins der wirkungsvollsten Mittel) gebe ich Sublimat. 6 und 12. Jene chronischen Zustände aber, wie sie wohl die Mercurvergiftung , charakterisiren, jene Empfindlichkeit gegen die Witterung mit Neigung zu Katarrhen und Rheumatismen verlangen durchaus die hohen Verdünnungen.

 

 

Natron mur.

Hohe Verdünnung.

 

Nitri acid.

Auch hier müssen Sie mit der ganzen Skala der Verdünnuugen operiren. Meist werden Sie die hohe Verdünnung als die zweckmässigste befinden. Doch glaube ich, dass ich z. B. bei den Kopfschmerzen merkurialisirter Syphiliskranker die 6. Verdünnung, ja bei breiten Condylomen im Rachen und am After sogar die 2. Dezimale mit bestem Erfolg gegeben habe.

 

Nux vomica.

Auch hier müssen Sie von den höchsten Verdünnungen herunter bis zur 3. geben. Wollen Sie noch unter die 3. herab, so thun Sie gut, sich auf eine einzelne Dosis mit Nachwirkung zu beschränken. Niedere Verdünnungen zu gebrauchen (etwa 3. bis 6.), werden Sie am ersten bei den für die Nux vom. passenden Magen- Darmleiden in die Lage kommen. Aber gerade bei diesem so sehr häufig angewandten Mittel vergessen Sie nicht die Hauptregel: die hohen Potenzen sind die Regel, die niederen die Ausnahmen.

 

Phosphor.

Hohe Verdünnung. Ausnehmen möchte ich nur die, für den Phosphor passenden Magenleiden, ich meine vor Allem die Leiden mit jenem lästigen Heisshunger- und Schwächegefühl. Hier habe ich niedere Potenzen mit bestem Erfolg gegeben. Ebenso spreche ich beim akuten Phosphordurchfall für die niedere Potenz, aber

eine Dose und abwarten. Mit schablonenmässig wiederholten Gaben können Sie hier die hässlichsten Verschlimmerungen haben.

 

Pulsatilla.

Hohe Verdünnung. Das Mittel leistet mir entschieden mehr, besonders in der Chlorose, seit ich es hoch gebe. Aber auch bei akuten Zuständen (Katarrhen, Rheuma, Orchitis u. s. w.) scheint mir die hohe Verdünnung die hülfreichste.

 

Rhus tox.

Hohe Verdünnung. Aber bei den Rheumatismen des Mittels, ich meine den chronischen, fieberlosen, bin ich oft genöthigt, zu den tiefen Verdünnungen hinunterzugehen.

 

Sepia.

Hohe Verdünnung. Bei chronischen Leberleiden (Gallensteinen) und beim Prolaps habe ich es öfter in Verreibung gegeben, aber ich kann nicht sagen, mit sonderlichem Erfolg.

 

Silicea.

Hohe Verdünnung. Bei den Knochenleiden und chronischen Eiterungen des Mittels werden Sie freilich wohl mal in die Nothlage kommen, zu den Verreibungen hinunter zu steigen. Ferner habe ich bei chlorotischen Kindern mit jener nervösen Schwäche Silicea in der 6. Verreibung mit gutem Erfolg gegeben.

 

Stannum.

Dieses grosse Mittel bei Prolaps gebe ich hier stets in einer aus der 6. Verreibung hergestellten Verdünnung. Die typische Neuralgie des Mittels entsinne ich mich zweimal mit Einzelpulvern derselben Verreibung mit bestem Erfolg behandelt zu haben. Bei den Fiebern und Brustaffektionen des Mittels dürfte man wohl besser thun, höhere Potenzen zu wählen; doch gehen mir darüber eigene Erfahrungen ab.

 

Sulfur.

War stets besonderes Streitobjekt bezüglich der Gabengrösse. Dass die hohe Verdünnung die normale ist, scheint mir nicht zweifelhaft. Wer das Mittel nicht hoch giebt, dem gehen manche Seiten desselben, z. B. jene wunderbare Einwirkung beim kontinuirlichen Fieber ganz verloren. Auch bei solchen Zuständen, wie beim Hydrocephaloid, beim Frühdurchfall u. s. w. ist meiner Ansicht nach mit der niederen Verdünnung gar nichts zu machen. Aber gerade bei diesem Mittel möchte ich auch behaupten, dass der reine Hochpotenzler sich manche Eigenartigkeit der Tiefpotenzen entgehen lässt. Bei manchen chronischen torpiden Hautausschlägen wird man die tiefsten Potenzen oft nicht entbehren können. In dem für Sulfur passenden Stadium der Gonorrhoe hat mir die niedere Verdünnung bessere Dienste geleistet, als die hohe. Bei Wasseransammlung im Kniegelenk und ferner, wenn bei skrophulösen Kindern Schwerhörigkeit eintritt, bevorzuge ich gleichfalls die niedere Verdünnung. - Ueber die Gabengrösse bei Phthise und das durch zu starke Gaben ev. hervorgerufene Unheil kann ich nichts sagen. Das sind Sachen, über die bestimmte Urtheile abzugeben, ein ganzes Leben vielleicht nicht ausreicht. Mir will aber scheinen, als ob Sulfur bei Phthise überhaupt kein häufig indizirtes Mittel wäre.

 

Thuja.

Hohe Verdünnung. Doch mag es wohl manche Formen von Afterbildungen geben, bei denen Sie, wenn Sie Ihrer Mittelwahl gewiss sind, die ganze Skala durchmachen müssen. Bei chronischer Gonorrhoe resp., deren Folgen für den Gesammtorganismus bevorzuge ich entschieden die hohe Verdünnung in seltener Dose.

 

Veratrum alb.

Die 6. bis 12. Verdünnung scheint mir die geeignetste.

 

Zincum met.

Sie müssen hier mit der ganzen Skala operiren. Entschliessen Sie sich aber zur niederen Verreibung, so müssen Sie durchaus Einzelgaben mit tagelanger Pause verwenden.

 

 

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Der Artikel erschien in der Zeitschrift des Berliner Vereins homöopathischer Ärzte, 1902, Heft 1, Seiten 6 - 19


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